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Weshalb musste das Bet haMikdasch bewacht werden?

Raw Chaim Grünfeld.

 

„Nähere den Stamm Levi…. sie sollen die Hütung der ganzen Gemeinde vor dem Ohel Moed verrichten“ (3,5-7)

Der Stamm Levi wurde dazu auserwählt, das ‚Mischkan‘ und später das ‚Bet haMikdasch‘ zu bewachen. Die Aufgabe wurde zwischen den Kohanim und den Levijim aufgeteilt, die Kohanim bewachten das Bet haMikdasch an drei und die Levijim an 21 Orte [1]. Sinn dieser Bewachung war weniger die Sicherheit vor Diebstahl, denn das Bet haMikdasch wurde auch tagsüber bewacht. Nach der Ansicht mancher ging es darum, das Heiligtum vor dem Eindringen eines זָר (Fremden) zu schützen, wie der Passuk spricht (1,51-53): „Ein Fremder, der eintritt, soll getötet werden… Und die Levijim sollen rings um das Mischkan des Zeugnisses lagern, damit kein Zorn auf die Gemeinde der Bne Jisrael kommt“ – durch das Eindringen eines Fremden ins Heiligtum [2].

Nach anderen waren die Wachen mehr zur Ehre dieses heiligen Ortes gedacht. Ähnlich der Ehrengarde eines königlichen Palastes, die zusätzlich zu den normalen Wachsoldaten mit ihren Posten die Besonderheit und Wichtigkeit dieses Hauses bezeugen [3].

Demgemäss wird die Erlaubnis des Aufsehers erklärt, der einem schlafenen Posten die Kleider mit seiner Fackel anzünden durfte [4]. Es ist ‚Mida keneged Mida‘: So wie dieser nicht auf die Ehre des Königs Acht gab, wird auch auf seine Ehre – die Kleider des Menschen sind seine Ehre [5] – nicht Acht gegeben!

Andere verstehen denn Sinn dieser Wache so: Jisrael möchte damit seine Schutz durch Hkb“H erwecken. So wie Jisrael das G‘tteshaus ständig behütet, ohne zu schlafen, soll auch G‘tt den Klall Jisrael immer mit der ‚Haschgacha pratit‘ behüten. Daher schreibt die Tora (18,5): „Uschemartem et Mischmeret haKodesch – Hütet die heilige Hütung“, durch euer Hüten wird die heilige Hütung durch Hkb“H bewirkt [6].

Manche Rischonim sind gar der Meinung, dass diese Bewachung als Vorkehrung gedacht war, damit Jisrael sich nicht vom Bet haMikdasch „Massiach Da’at“, sich chalila nicht mit ihren Gedanken vom Heiligtum ablenken lassen [7]. Was es mit dieser Gefahr des ‚Hessech haDa’at‘ (abgelenkt sein) auf sich hat, erklärte Rabbi Jerucham Lejbowitz sZl., der Mirer Maschgiach, ausführlich: „Bekanntlich besteht das Lob der grossen Zadikim in der Bewertung ihres ‚Dwekut‘ zu Hkb“H, wie stark und intensiv sie mit Haschem verbunden sind. So wird z.B. Jakov Awinu als (Bereschit 25,27) „Joschew Ohalim“ gerühmt, als ein Mann, der ständig unter den Fittichen der Schechina haKedoscha weilt und sich keinen Schritt ausserhalb des g’ttlichen Gezelts bewegt. So wie es bei seinem Grossvater Awraham Awinu heisst (18,3): „Al no ta’awor meAl Awdecha – bitte weiche nicht von deinem Knecht“.

Deshalb werden die ‚Awot haKedoschim‘ (Väter des jüdischen Volkes) „die g’ttliche Merkawa“ (Wagen) genannt [8], weil sich die Schechina fortwährend über ihnen befindet und sich ‚kibejachol‘ (sozusagen) durch sie fortbewegt!

Als Jakov schliesslich gezwungen war vor seinem Bruder Esav die Flucht zu Lawan zu ergreifen, fürchtete er sich davor, bei Lawan nicht stark genug zu sein, und daher das Zelt seines ‚Dwekut‘ (gedankliche geistige Verbindung) zu Haschem eventuell chalila unterbrochen werden würde, sogar wenn dies nur für einen kurzen Moment sei. Deshalb stärkte er sich unterwegs mit dem Verbringen von weiteren 14 Jahren in den ‚Zelten von Schem und Ewer‘. So gross war die Angst der ‚Awot haKedoschim‘ von ihrer ständigen g’ttlichen Dwekut unterbrochen zu werden!

Aus diesem Grund bevorzugten sie einen stillen Ort der Besinnung, wo sie ungestört Hkb“H dienen konnten, wie „Bate Knessijot uMidraschot“ – und falls sie zwecks ihrer Parnassa einer irdischen Tätigkeit nachkommen mussten, zogen sie es vor, an einem menschenleeren Ort Schafe zu weiden.

„Das Bet haMikdasch“, schreibt der Mirer Maschgiach sZl. weiter,  „war der am grössten mögliche Ort dieses ‚Dwekut‘ auf der Erde, wo der Klall Jisrael seine Verbindung mit Haschem aufrecht erhielt. In diesem heiligen Ort wurde keine fremde Gedanken geduldet, jegliche „Machschewet Pigul“ war ‚passul‘. Hier ruhte die g’ttliche Schechina ohne Unterbrechung Tag und Nacht, und deshalb durfte man sich hier nie von diesem Dwekut ‚massiach Da’at“ sein, d.h. sich nicht einmal für einen Moment von dieser Verbindung ablenken lassen. Daher musste das „Bet haMikdasch“ ständig bewacht werden, nicht etwa aus Furcht vor einen Diebstahl, sondern „vor dem Eindringen fremder Gedanken“!

Diese Furcht geht auch aus dem Passuk in Schir haSchirim (3,7) hervor:  „Siehe das Bett des Schlomo, sechzig der Starken Jisraels umringen es… jeder mit seinem Schwert umgürtet, wegen der Furcht der Nächte“. Mit dem „Bett des Schlomo“, ist das Bet haMikdasch gemeint, wie Chasal im Midrasch erklären [9]. Die „Furcht der Nächte“, die Gefahr einer winzigen Blösse und Bresche durch Ablenkung ist so gross und real, dass die Bewachung diese Heiligtums umso stärker und von allen Seiten ernst genommen werden muss!

Wir begreifen somit, weshalb ein Levi, sogar wenn er nur für einen kurzen Moment, auf seinen so verantwortungsvollen Posten, schlief, gezüchtigt wurde. Weil er genau in diesem Moment den Klall Jisrael in einer wirklich grossen Gefahr gebracht hatte, chalila ihr ständiges ‚Dwekut‘ zu Hkb“H zu unterbrechen, so dass ihre permanente Verbindung zu Haschem verloren geht…“ [10].

Bekanntlich wird das Herz des Menschen als „Mikdasch Haschem“ betrachtet, wie es heisst (Schmot 25,8): „we’Assu li Mikdasch weSchachanti betocham – macht mir ein Heiligtum, und ich werde in Ihnen ruhen“ (in ‚ihnen‘ und nicht in ‚euch‘), womit der „Nizuz haJehudi“, der g‘ttliche Funken der jüdischen Neschama gemeint ist. Dieser benötigt keine Wache vor Diebstahl, denn dieser Funke brennt unauslöschlich in jedem Herzen, auch wenn er manchmal tief begraben liegt.

Der Funke benötigt jedoch eine ständige Bewachung, pausenlose Aufmerksamkeit, Tag und Nacht, damit seine Ehre erhalten bleibt uns nicht durch fremde Gedanken und Eindringlinge begraben wird, sondern wie es dem Bet haMikdasch, dem Königspalast und G‘tteshaus gebührt, von weitem sichtbar und als solcher erkennbar bleibt. Auf diese Weise, mit einer solchen Ehrbezeugung des eigenen und privaten inneren Bet haMikdasch, erhält man seinen ‚Dwekut‘, seine Verbindung zu Haschem aufrecht, und erweckt sicher die „Mischmeret haKodesch“, die ‚Haschgacha Eljona‘ (g’ttlichen Schutz) über sich und wird von allem Bösen verschont.

Nachdem diese Parscha jeweils auf den Schabbat vor ‚Schawuot‘ fällt, dürfte diese Bewachung des G’tteshauses im Allgemeinen und des eigenen Herzens im Einzelnen, ebenfalls in Verbindung zu „Matan Tora“ stehen. Wie erwähnt wurde das Bet haMikdasch an 24 Orte bewacht. Weshalb gerade an 24 Stellen, kann mit den vom Nawi Jeschajahu (3,18) aufgezählten 24 Schmuckstücke, mit der eine „Kalla“ (Braut) in früheren Zeiten geschmückt wurde, gedeutet werden. Diese werden von Chasal mit den 24 ‚Kisswe Kodesch‘ (Bücher) des Tna“ch geglichen, mit denen jeder ‚Talmid Chacham‘ geschmückt sein muss [11].

Der Schatz und Mittelpunkt des Bet haMikdasch stellte die „Tora“ im Aron haKodesch dar – die 24 ‚Kisswe Kodesch‘, sie sind die Schmuckstücke, mit denen die Kalla des Klall Jisrael – die ‚Schechina haKedoscha‘ – geschmückt und erkennbar ist. Wer nun seinem eigenen Bet Mikdasch die richtige Ehrbezeugung zukommen lassen möchte, muss sich diese 24 Schmuckstücke aneignen, damit er sie richtig hüten und bewachen kann und sein ‚Dwekut‘ zu Haschem stets erhalten bleibt!

 

    [1] Mischna Midot 1,1

    [2] Biure haGr“o Anfang Massechet Tamid. S.a. Raschi Bamidbar 3,6

    [3] Mefaresch, Ra’awad, Perusch haRo“sch, Bartenura und Tif’eret Jisrael Anfang Massechet Tamid und Rambam Hilchot Bet haBechira 8,1. S.a. Ramban zur Stelle.

    [4] Mischna Midot 1,2

    [5] Schabbat 113a

    [6] Likute Ansche Schem

    [7] Perusch haRo“sch Anfang Tamid 25b u.a.

    [8] Midrasch Bereschit Rabba 47

    [9] Schir haSchirim Rabba 3,7

    [10] Da’at Chochma uMussar Bd1/Ma’amar 98

    [11] Midrasch Schmot Rabba 41,6, Midrasch Tanchuma P. Ki Sissa 16 und Raschi Ki Sissa 31,18