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‚Kabalat haTora‘ auch in der Qualität des Lernens

Raw Chaim Grünfeld.

 

Jom Tov Schawuot, der Tag von „Matan Tora“, ist die geeignete Zeit, um sich Gedanken über das Toralernen im vergangenen und im kommenden Jahr zu machen. So zitierte der Schlo“H haKadosch im Namen des grossen Mekubal Rabbi Meier Ibn Gabbai sZl.: „Genauso wie Hkb“H am Rosch haSchana, am  Tag an dem die Welt fertiggestellt wurde, die Menschen über ihre Taten auf dieser Welt richtet, richtet er am Tag von ‚Matan Tora‘ den Menschen über die ihm an diesem Tag übergebene Tora, wieviel er sich mit ihr beschäftigt hatte oder ob er seine Zeit unnütz verbrachte. Demgemäss interpretiert er die Worte der Mischna [1]: „ba’Azeret al Perot ha’Ilan – am Schawuot wird über die Früchte des Baumes gerichtet“. Eigentlich sollte es hier „Perot ha’Ilanot – Früchte der Bäume“ in Mehrzahll heissen, denn es wird ja nicht nur über die Früchte eines einzigen Baumes gerichtet. Dies ist eine Andeutung auf den tieferen Sinn des Gerichts am Schawuot, da mit „Ilan“ G’tt gemeint ist, der einzig ist, und mit den „Perot“ sind alle aus diesem Baum entstammenden Neschamot gemeiunt, die darüber gerichtet werden, wie weit sie sich durch die Tora und ihre Mizwot vervollkommnet haben“ [2].

So pflegte Rabbi Isser Salmen Melzer sZl. im Namen des Nezi“w von Woloszin sZl. übersagen: „Der Jom Tov Schawuot ist der Jom haDin von ‚Kabbalat haTora‘. An diesem Tag wird der Mensch gerichtet, welche Stufe er im Toralernen des folgendes Jahres erreichen wird“ [3].

Wenn man sich die Frage über das Quantum des Lernens stellt: „Lerne ich genug?“ So dürfte die Antwort immer negativ ausfallen, denn es gibt kein „genügend“ beim Toralernen! „Wehagita bo Jomam weLajla“ [4], die Pflicht besteht immer und zu jeder Zeit, bei Tag und bei Nacht und sie obliegt bis zum letzten Atemzug.

Lautet aber die Frage: „Erfülle ich meine Pflicht?“, so gibt es viele Gründe, die ein geringeres Ausmass an Toralernen rechtfertigen können. Es mag sich um Gründe der Parnassa, der Zorche Zibur (Gemeindeangelegenheiten) oder andere wichtige Aufgaben handeln. Dennoch muss sich bewusst sein, dass die Pflicht des ständigen Toralernen auch in diesen Fällen nicht aufgehoben ist, sondern lediglich momentan von den anderen Pflichten verdrängt wird. Sobald aber die Entschuldigung wegfällt, begeht man „Bitul Tora“, wenn man nicht wieder zum Lernen zurückkehrt!

Gerade weil es so schwierig, sich nicht an der Sünde von ‚Bitul Tora‘ zu vergehen, betrachten Chasal diese Vernachlässigung jeweils als Grund für Strafen und Leiden, die den Menschen heimsuchen, wenn keine andere Ursache gefunden werden kann: „Pischpesch welo maza, jitle beBitul Tora – hat er gesucht und nichts gefunden, so mache er die Vernachlässigung der Tora dafür verantwortlich“ [5]. Die Meforschim fragen dazu: „Wenn die betreffende Person bei sich keine Schuld finden kann, so hat sie sich sicher auch nicht an der Sünde von „Bitul Tora“ schuldig gemacht. Wie kann sie dann für diese Awera bestraft werden?

Der Nezi“w von Woloszin erklärt, dass es sich hier um Zeiten handelt, in denen der Mensch glaubte, gute Gründe zu haben, das Toralernen unterlassen zu dürfen. Er mag aber dabei einen Fehlentscheid getroffen haben, und für diesen ‚Bitul Tora‘ wird er bestraft.

Die Ba’ale Mussar weisen daraufhin, dass ‚Bitul Tora‘ sich nicht nur bezüglich der Quantität (Kamut) besteht, sondern auch in Bezug auf die Qualität (Echut) des Lernens. Selbst derjenige, der seine freie Zeit vollständig für das Toralernen ausnützt, sollte sich Gedanken über sein Lernen machen. Wie steht es bei den besuchten Schiurim oder beim Chawrussa-Lernen bezüglich seiner Aufmerksamkeit und aktiven Teilnahme? Entsprechen die Schiurim überhaupt seinem Niveau? Könnte sein Lernen nicht noch gründlicher sein, mit mehr Konzentration, Hingabe und regelrechten ‚Amal haTora‘ ohne sich fortwährend von seinem Telefon etc. ablenken zu lassen?

Als ‚Jehoschua bin Nun‘ vor Jericho lagerte, wurde er von einem Mal‘ach mit gezückten Schwert begrüsst, der ihm ‚Bitul Tora‘ vowarf. In jener Nacht hatte das Volk wegen der Belagerung nicht Tora gelernt, obwohl in der Nacht kein Krieg geführt wurde. Bei der späteren Belagerung der Stadt Aj, machte Jehoschua diesen Fehler wieder gut, indem er während der ganzen Nacht nicht nur einfach Tora lernte, sondern in die „Tiefe der Halacha“ eindrang [6].

Raw Elijahu Lopian sZl. zitiert hierzu die Erläuterung des Rabbi Simcha Sissel Siv, der „Alte von Kelm“ sZl.: „Es ist unmöglich anzunehmen, dass Jehoschua und der Klall Jisrael tatsächlich bei der Belagerung von Jericho eine ganze Nacht hindurch wach blieben, ohne Tora zu lernen. Wegen der Belagerung begnügten sie sich jedoch damit, auf einfache und leichte Art zu lernen, und vernachlässigten das tiefe Lernen. Diese Nachlässigkeit bewirkte bereits den „Kitrug“ (Anklage) von Bitul Tora! Der „Tikun“ (Korrektion) erfolgte, indem in einer ähnlichen Lage besser reagiert wurde. Bei der Belagerung von Aj bezeugt daher der Passuk, dass Jehoschua die ganze Nacht hindurch so konzentriert lernte, dass er in die „Tiefe der Halacha“ eindrang [7].

Auch der Überfall von Amalek j“s auf Jisrael, erklären Chasal, ereignete sich wegen der Vernachlässigung des Toralernens. Das Volk hatte ja schon ‚Marah‘ einige Parschijot und Dinim erhalten, um sich damit während der Wanderschaft zu beschäftigen. Bei der Ortschaft „Refidim“ wurden sie plötzlich von Amalek angegriffen. Chasal deuten aus dem im Passuk wiederholten Wort „Refidim“ [8] den Grund für diese Bedrohung: „Refidim“ kommt vom Ausdruck „rifjon Jadajim“ – eine Schwächung und Vernachlässigung der Tora [9]. Auch hier ist nicht gemeint, dass man  überhaupt keine Tora gelernt hatte, sondern die Rede ist lediglich von einer Abschwächung des Lernens. Man hatte es sich – vielleicht der Wanderschaft wegen – erlaubt, die Tora auf leichte Art, ohne allzugrosse Anstrengungen zu lernen, und beging somit „Bitul Tora be’Echut“, in der Qualitat des Gelernten.

Auf diese Weise kann erklärt werden, weshalb Hkb“H den Klall Jisrael bei ‚Kabbalat haTora‘ durch die Androhung von „scham tehe kewuratchem“, dass Er sie unter dem Berg Sinai begraben werde, zwingen musste, die Tora anzunehmen. Dies obwohl sie schon zuvor mit dem Ausruf „Na’ase weNischma“ [10] sich bereit erklärt hatten, die Tora auf sich zu nehmen [11]. Wie die Meforschim bemerken, heisst es in der Gemara nicht „פֹּה תְּהֵא קְבוּרַתְכֶםhier wird euer Grab sein“, sondern „שָׁםdort“. Wo sollte ihr Grab sein? Hier wird auf die kurz zuvor geschehene „Milchemet Amalek“ angespielt.

Hkb“H wollte uns noch einmal verdeutlichen, wir streng die Sünde von ‚Bitul Tora‘ geahndet wird. Es macht dabei keinen Unterschied, ob diese im ‚Kamut‘ oder ‚Echut‘ (Quantität oder Qualität des Lernens) erfolgt. Deshalb zürnte Hkb“H bei der Zerstörung des ‚Bet haMikdasch‘ mehr wegen des Bitul Tora als aufgrund der Begehung der drei schlimmsten Awerot der Tora! [12] Daher warnte Haschem den Klall Jisrael vor ‚Matan Tora‘, trotz ihres „Na’ase weNischma-Ausrufens“, und macht eine Anspielung auf die bereits erlebte Bedrohung durch Amalek: Wenn ihr künftig das Toralernen vernachlässigt, selbst wenn dies nur in der Qualität des Lernens geschieht, so hättet ihr schon „dort“ zur Rechenschaft gezogen werden müssen!

Wenn wir dieses Jahr wieder zu „Kabalat haTora“ gehen, so sollten wir alle uns diese Szene wieder in Erinnerung rufen: Der Berg Sinai hängt über unseren Köpfe, wie ein drohendes Fallbeil! Daraus entstammte der „Minhag Jisrael“, sich am Schawuot etwas mehr anzustrengen und die ganze Nacht hindurch Tora zu lernen.

Es ist auch ein „Minhag“ am Schawuot milchig zu essen. Die bekannte Erklärung lautet, dass die Bne Jisrael nach Matan Tora aus Kaschrut-Gründen kein Fleisch essen konnten. Vielleicht kann man dies auch damit begründen, dass die Bne Jisrael sich nicht gleich nach ‚Kabalat haTora‘ mit der zeitraubenden Zubereitung einer fleischigen Mahlzeit beschäftigen wollten, die eine gehörige Schechita und Bedika erforderte. Sie begnügten sich daher mit einer milchigen Se’uda und setzten sich sogleich zum Toralernen.

Chag Sameach

 

Wörtererklärungen:

  • Amal haTora – Toralernen unter echter Bemühung
  • Bitul Tora – Abhalten vom Toralernen
  • Jom haDin – Gerichtstag
  • Meforschim – Kommentatore
  • Milchemet Amalek – Krieg gegen Amalek
  • Minhag Jisrael – Jüdischer Brauch
  • Na’ase weNischma – „Wir werden Tun und Hören“
  • Schechita und Bedika – Fleischschächten und Kontrolle der Organe, dass sie keine Risse und Löcher (Trejfa) aufweisen
    [1] Rosch haSchana 16a

    [2] Schne Luchot haBrit (Bd.2 Massechet Schawuot S.96) gemäss Tola‘at Jakov (Sissre Chag haSchawuot)

    [3] Sefer Awne Chen Kap.21/§7

    [4] Jehoschua 1,8

    [5] Berachot 5a

    [6] Megila 3a

    [7] Lew Elijahu

    [8] Schmot 17,1 und 8 gemäss Tora Temima

    [9] Sanhedrin 106a

    [10] Schmot 24,7

    [11] Schabbat 88a

    [12] Jeruschalmi Chagiga 1,7