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Warum muss die „Birkat Kohanim“ unbedingt auf ‚Laschon haKodesch‘ gesagt werden?

Raw Chaim Grünfeld.

 

Im Midrasch wird erzählt: „Als Hkb“H den Kohanim die Mizwa der „Birkat Kohanim“ übergab, bedauerten dies die Bne Jisrael und sagten zu Haschem: „Wir möchten nur aus Deinem Mund gebenscht werden!“ Darauf entgegnete Hkb“H: „Obwohl ich den Kohanim befahl, euch den Segen zu erteilen, bensche ich euch selbst“ [1].Hier stellt sich die Frage, was eigentlich Jisrael daran störte, dass die Beracha durch die Kohanim erfolgt?

Gemäss der Halacha dürfen Tefilot und Berachot in jeder Sprache gedawent werden. Die „Birkat Kohanim“ gilt als Ausnahmefall, denn aus dem Passuk (6,23) „So sollt ihr benschen“ wird die Bedingung abgeleitet, dass dieser Segen nur in „Laschon haKodesch“ gesagt werden darf [2].

Um den Sinn dieser Halacha zu verstehen, müssen wir uns die Besonderheit unserer heiligen Sprache vor Augen führen. Im Sefer Jezira (Buch der Schöpfung) werden die Buchstaben des Alef-Bet „Steine“ genannt, weil sie die „Bausteine“ sind, durch die Hkb“H die Welt schuf. Die Buchstaben haben nicht nur eine symbolische Bedeutung, sondern verkörpern geistige Kräfte, die den Bestandteil und die Materie jeder Existenz im gesamten Universum bilden [3]. So entsteht, wie der Ba’al haTanja sZl. erklärt, ein „Ewen“ (Stein) aus den drei Buchstaben Alef-Bet-Nun, da diese den Zusammenhalt der Materie des Steines binden und festigen. Sie stellen seinen „Chijut“, seine Lebensquelle dar [4].

Aus diesem Grund hat jede Materie und jedes Geschöpf auf dieser Welt eine Art Gegenstück in der ruchanius’digen (geistigen) Welt, das Chasal „Masal“ oder „Mal’ach“ nennen. Gemeint ist damit die geistige, g’ttliche Kraft, die alle Dinge belebt und ihre Existenz unterhält. Deshalb hat der jüdische Namen einer Person so grosse Bedeutung, wie in den Sefarim haKedoschim festgehalten wird. Denn er bezeichnet und definiert das Wesen und den Charakter dieser Person.

Auf diese Weise wird verständlich, weshalb die Tora in Bezug auf G’tt körperliche Attribute verwendet, wie „die Hand von Haschem“ oder die „die Augen G’ttes“, obwohl Er keinen materiellen Körper besitzt. Die einfache Erklärung dafür gibt der Rambam mit „dibra Tora beLaschon Bne Adam“ an, dass die Tora sich mit der Sprache der Menschen benutzt, um (לְשַׂבֵּר אֶת הָאוֹזֶן) den irdisch begrenzten Menschen mit seinen eigenen Mitteln und Bezeichnungen schwierige Begriffe verständlich zu machen [5].

Der Schlo“H haKadosch hingegen schreibt: „Da jede Bewegung des Menschen, alle seine Körperteile und Sinnesorgane, durch höhere, g’ttliche Kräfte geleitet werden, bezieht sich die irdische Bezeichnung und Formulierung gleichzeitig auch auf die damit verbundenen geistigen Tätigkeiten und Kräfte“.

So verstehen wir den Sinn vieler jüdischer ‚Minhagim‘ (Rituale und Bräuche) und ‚Segulot‘ (erprobte Mittel) die symbolischen Charakter haben, wie z.B. das Ausschütten der Taschen bei „Taschlich“ am ‚Rosch haSchana‘, um sozusagen unsere Awerot „loszuwerden“. Ebenso das Essen der „Simanim“, um für ein gutes und süsses Jahr zu bitten, oder das Lulawschütteln am Sukkot gegen alle Seiten, um gute Winde und segensreichen Tau zu erbitten etc. Denn durch unsere irdische Handlungen auf dieser Welt setzen wir gleichzeitig entsprechende ruchanius‘dige Kräfte in Bewegung, die uns helfen im Himmel die erhofften Resultate zu erzielen.

In diesem Sinn beantwortet der Schlo“H auch die bekannte Frage, warum die geistige Belohnung für „Kijum haMizwot“ nicht ausdrücklich in der Tora erwähnt wird. „Tatsächlich wird in der Tora an vielen Stellen, wie z.B. zu Beginn der Parschat Bechukotai (Wajikra 26,3) eine ganze Reihe von Belohnung aufgezählt, die äusserlich gesehen zwar irdischen Charakter haben, wie Regen, reiche Ernte etc., die aber gleichzeitig auch eine höhere und überirdische Bedeutung besitzen“ [6].

Aus dem Gesagten geht eindeutig die Besonderheit einer Tefila oder Beracha, die in „Laschon haKodesch“ gesagt wird, hervor, im Gegensatz zu einer Tefila, die in einer anderen Sprache gesprochen wird. Ein auf deutsch oder englisch gesprochenes Gebet enthält nämlich nur die Bitte und Formulierung, die der Betende gesagt hat. Der von den „Ansche Knesset haGedola“ [7] in ihrer unermesslichen Weisheit verordnete Text auf ‚Laschon haKodesch‘ hingegen, enthält ausser dem gewöhnlichen Inhalt der Tefila zusätzlich noch viele andere Bedeutungen und einen tieferen Sinn, als wir uns vorstellen können. Denn jeder Buchstabe für sich selbst, und noch mehr in Verbindung mit anderen Buchstaben, enthält unzählig viele Variationen unterschiedlichster Bedeutungen und Zahlenkombinationen. Somit drücken wir mit einer Bitte in Wahrheit ein ganzes Paket von Bitten aus, die zudem auch immer materielle neben der geistigen Bedeutung enthalten [8]. Wer aber der heiligen Sprache nicht mächtig ist, oder seine privaten Bitte nicht auf „Laschon haKodesch“ formulieren und auszudrücken vermag, kann sie auf jeden Fall auch in einer anderen Sprache sagen und erreicht somit wenigstens dieses eine Ziel [9].

Ebenso verhält es sich mit der „Birkat Kohanim“, deren Inhalt nicht nur eine einzigen Bedeutung besteht. Bereits im Midrasch zeigen uns Chasal, eine Fülle unterschiedlichster Berachot, die darin enthalten sind. „Deshalb“, erklärt der Satmarer Rebbe sZl., „müssen die Kohanim diesen Segen unbedingt auf ‚Laschon haKodesch‘ sprechen, damit auch alle darin enthaltenen Berachot in Kraft treten“.

So möchte er auch den oben zitierten Midrasch zu verstehen geben, dass die Bne Jisrael zuerst den Segen nicht durch die Kohanim bekommen wollten. Sie befürchteten nämlich, dass die Kohanim nicht in der Lage sein würden, für alle Nöte und Bedürfnisse des Klall Jisrael dawenen zu können. Ihre Tefila wäre dann gemäss ihre begrenzten ‚Kawana‘ (Andacht) nicht allumfassend. Hkb“H aber beschwichtigte sie mit der Versicherung, dass Er Jisrael durch die Kohanim benschen werde. Solange nämlich die Kohanim seiner Anweisung von „כֹּה תְבָרְכוּ“ nachkommen werden und ihren Segen auf „Laschon haKodesch“ sprechen, würde Er selbst alle in den Worten der Birkat Kohanim verborgenen Bedeutungen so ordnen und zusammenstellen, dass sie alle für Jisrael nötigen Brachot enthalten [10].

 

[1] Midrasch Bamidbar Rabba 11,2

[2] Sota 38a

[3] Sefer Jezira 4,12

[4] Siehe ausführlich Sefer haTanja (Schar haJichud weha’Emuna Kap.1)

[5] Rambam in Mischne Tora (Hilchot Jesode haTora 1,9) und ausführlich Sefer ha’Ikarim (Ma’amar 2 Kap. 22-23)

[6] Schnej Luchot haBrit (Massecht Tamid, Perek Ner Mizwa 109-112  und ausführlich in Toldot Adam, Bet Aharon 149-156)

[7] „120 Männer der Grossen Versammlung“, die Mitglieder des grossen Sanhedrin, das zu Beginn des zweiten Bet haMikdasch den genauen Text (Nussach) all unserer Gebete und Berachot verordnet hat, da die meisten Jehudim nach der Rückkehr aus dem babylonischen Exil die ‚heilige Sprache‘ nicht mehr beherrschten.

[8] Siehe Nefesch haChajim (Voloszin, 2,13), Jeschuot Ja’akov (Lemberg, 101,3), Aruch haSchulchan (O“Ch 101,9), Kaf haChajim (O“CH 101,16), Mischna Berura  (101,13) und Bi’ur Halacha (‚Jachol‘).

[9] Schulchan Aruch (O“CH 101,4), Magen Awraham, Jad Efrajim und Schulchan Aruch haRaw (101,5) im Namen des Sefer Chassidim (588 und 785) und Rem“a miPano (Assara Ma’amarot ‚Em kol Chai‘ Bd1/31) bezüglich Unwissenden die kein LHK verstehen. S.a. ausführlich Schu“t Chatam Sofer (O“Ch Bd6/84-86).

[10] Diwre Joel P. Nasso (6,23/5712)