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Lehre der ‚Para Aduma‘ – Gegensätze vervollständigen den Menschen

Raw Chaim Grünfeld.

Das rätselhafte Phänomen der „Para Aduma“ (‚Roten Kuh‘), die „Metaher Teme’im uMetame Tehorim“, gleichzeitig den Unreinen reinigt und den reinen Kohen verunreinigt, hat viele Meforschim (Kommentatore) beschäftigt.

Wer keine Antwort darauf finden konnte, erklärte dieses Phänomen mit „Sot Chukat haTora“, als Gesetz ohne Grund, oder besser gesagt, als Gesetz, das zwar einen Grund besitzt, der jedoch nur Mosche Rabenu offenbart worden ist und für uns bis Moschiach kommt ein Geheimnis bleiben wird.

Der Mekubal Rabbi Jehuda Fatiyah sZl. [1] versucht dennoch, uns diesen eigentlichen Widerspruch auf einfache Weise näherzubringen. Bekanntlich werden aus verschiedenen Pflanzen Gifte gewonnen, die irgendeine Reaktion bewirken, welche für einen gesunden Menschen lebensgefährlich sein können, jedoch Kranken das Leben retten. Sie bewirkt also eine gegensätzliche Wirkung bei den Kranken als bei den Gesunden, obwohl sie in deren Körper genau dieselbe Reaktion auslöst.

Auch die Asche der ‚Para Aduma‘ besitzt nicht zwei gegensätzliche Reaktionen, sondern nur eine einzige Funktion: Sie versetzt jedermann in die Stufe der Tum’at הַעֲרֵב שֶׁמֶשׁ, eine bis zum Sonnenuntergang dauernde Unreinheit. Ein „Tame-Met“, eine Person, die durch ihren Kontakt zu einem Toten auf einer viel stärkere Stufe der Unreinheit steht, wird daher durch die Asche nicht von ihrer Tum’ah „gereinigt“, sondern einfach auf eine leichtere Stufe versetzt, von der sie dann – am 7. Tag – nach Sonnenuntergang geheilt udn auskuriert ist. Aus diesem Grund wird auch der reine Kohen der die Asche berührt, selbst davon infiziert und ist ‚tame‘, denn die Asche bewirkt auch bei ihm eine leichte, bis zum Sonnenuntergang andauernde Tum’ah [2].

Diese Erklärung sollte uns zu denken geben: Obwohl die ganze Welt und unser tägliches Leben aus Gegensätzen besteht, Licht und Dunkel, Gut und Böse, Reinheit und Unreinheit etc., sind sie alle in Wirklichkeit nur eine einzige Sache: Alles ist vom einzigen G‘tt zu einem einzigen Zweck erschaffen worden. Die unterschiedlichen Reaktionen und Gegensätze entstehen nur durch unsere Taten. Wer im Licht steht, sieht das Dunkle, während das Licht im Dunkeln besser zu erkennen ist. Der Mensch erkennt das Gute oft erst durch das Schlechte: Solange es einem gut geht, weiss man Haschem kaum dafür zu danken, weil man es sich gar nicht anders vorstellen kann.

Erst wenn der Reine den Unreinen sieht, wird er selbst unrein, den plötzlich erkennt er sich selber in seinem Spiegebild. Er bemerkt seine eigene Mängel, die er noch zu korrigieren hat. So wie es der heilige Ba’al Schem Tov sZl. uns lehrte: Wer sieht, wie ein anderer eine Sünde begeht, muss wissen, dass man ihn dies absichtlich vom Himmel zeigte, weil er selbst mit dieser ‚Awera‘ in irgendeine Form verbunden ist und Teschuwa machen muss!

So helfen sie sich gegenseitig – der Reine hilft dem Unreinen wieder auf die Füsse zu kommen, während der Unreine dem Reinen zu besserer Einsicht und Verständnis verhilft, wie er zu einer noch grösseren Reinheit gelangen kann. Daher steht bei der Erschaffung von Tag und Nacht (Bereschit 1,5): „Wajehi Erew wajehi Boker Jom Echad – es wurde Abend, es wurde Morgen, ein Tag“. Ein Tag – und nicht „der erste Tag“, wie Rabbi Jisrael Friedmann, der heilige Rus’ziner sZl. erklärt: „Nur gegensätzliche Situationen im Leben vervollständigen den Menschen zu einem Ganzen, nur aus „Nacht und Tag“ – ‚Dunkel und Licht, Trauer und Freude‘ – zusammen, ergibt sich ein ganzer Tag!“ [3]

Auch bei der Erschaffung von Mann und Frau wird an den Vorteil dieses Gegensatzes erinnert (2,18): „E’esse lo Eser kenegdo – ich werde ihm eine gegensätzliche Hilfe beschaffen“. Denn nur so kommt der Mensch zu seiner Vollkommenheit und wird zu einem Ganzen, wie es in Bezug der Eheschliessung heisst (2,24): „Wehaju leBassar Echad“ – Sie werden zu Einem Fleisch sein“. Mann und Frau, zwei totale Gegensätze, finden in ihre harmonischen Vereinigung ihre Vervollständigung.

 

    [1] Geboren in Bagdad 5619/1859 und niftar in Jeruscholajim 5702/1942

    [2] Minchat Jehuda, Parschat Chukat

    [3] Gemäss Irin Kadischin zu ‚Jeme ben haMezarim‘