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Die Kunst der richtigen Zurechtweisung

Raw Chaim Grünfeld.

 

„Ele haDewarim ascher diber Mosche el Kol Jisrael… – dies sind die Worte, die Mosche zu ganz Jisrael sprach…“

Die Pflicht der von der Tora verlangten „Tochacha“, andere Leute wegen ihrer Fehler und Missetaten zurechtzuweisen, ist nicht nur eine Mizwa, sondern eine regelrechte Kunst!

Man darf dabei niemanden beschämen und sollte die Menschen nicht vor dem Kopf stossen, da sonst die Natur des Menschen geneigt ist, sich innerlich gegen die gut gemeinte Kritik zu verschliessen. Auf diese Weise erfüllt man keine Mizwa, sondern schlimmer, man erweckt (G’tt behüte) über ihn einen „Kitrug“, eine Anklage im Himmel, durch die Erwähnung seiner Sünden. Deshalb warnt Raw Zwi Elimelech Schapira sZl., der Rav von Dinov (Verfasser des ‚Bne Jisachar‘), dass man die Leute auf eine solche Weise zurechtweist, dass sie ihre Untat von selbst verstehen und ihre Vergehen nicht ausdrücklich erwähnt werden. In diesem Sinne erklärt er den Passuk (Wajikra 19,17) „Hoche‘ach Tochiach et Amitecha we‘lo tissa alav Chet – Zurechtweisen sollst du deinen Nächsten, und bringe keine Sünde über ihn“. Vergrössere beim Tadeln nicht seine Sünde, damit du im Himmel keine Anklage und Strafe über ihn bringst! [1]

Tatsächlich wird von verschiedenen Zadikim, wie z.B. Rabbi Aharon der Grosse von Karlin oder dem heiligen Rabbi Jisrael von Ruschyn sZl. berichtet, dass sie den Leuten manchmal irgendwelche Geschichten erzählten, in denen sie alle ihre begangenen Sünden wiedererkannten. Dies erweckte Gefühle heftiger Reue in ihnen, so dass sie keine Ruhe mehr fanden, bis sie echte Teschuwa taten.

Der Maor waSchemesch deutet in diesem Sinne den bekannten Ausspruch von Chasal: „Afilu Sichat Chulin schel Talmide Chachamim zerichim Limud – Sogar das einfache Gespräch über alltägliche Dinge von Talmide Chachamim benötigt ein Lernen“ [2]. Denn bei den echten Zadikim steckt sogar in ihrem einfachen Gerede lehrreiche Dinge, und manchmal sind darin auch solche Themen verborgen, die man nicht in Klartext aussprechen möchte.

Raw Elieser David Friedmann schlit“a, der Raw des Bet haMidrasch Bels-London, erzählte eine Geschichte von Raw Chajim Sofer sZl., der Raw der orthodoxen Gemeinde in Budapest (Verfasser des ‚Machane Chajim‘). Dieser war ein Schüler des berühmten Chatam Sofer sZl. und einer der grossen Kämpfer gegen die Reformbewegung in Ungarn. Einst fuhr er mit einer Gruppe seiner Schüler mit der Eisenbahn, als in ihrem Abteil ein Jehudi sass, der unkoscheres Fleisch ass. Die Schüler waren darüber äusserst erregt und begannen ihn über seine Tat zurechtzuweisen. Raw Chajim brachte sie jedoch sofort zum Schweigen und fragte sie: „Kennt ihr denn diesen Mann? Sind euch seine Lebensumstände bekannt, wegen denen er auf eine solch niedrigen Stufe in Jiddischkeit runtergefallen ist? Wie könnt ihr ihn tadeln bevor euch dies bekannt ist?“ Tatsächlich kam nachher beim Gespräch mit ihrem Mitreisenden aus, dass er aus der Gemeinde von Arad stammte auf dessen Rabbinerstuhl der bekannte Häretiker Aron Choriner sass, der bekanntlich vom heiligen Chatam Sofer sZl. „Acher“ genannt wurde [A-ron Ch-oriner R-abbiner, eine Anspielung auf den in der Gemara erwähnten Abtrünnigen ‚Acher‘]. Choriner war ein Mitbegründer der Reformbewegung, und ein berüchtigter „Chote uMachti et haRabim“ [3], der seine Gemeinde trejfenes Fleisch essen liess.

Als Raw Chajim dies vernahm, sagte er seinen Schülern: „Jetzt verstehe ich den Sinn der Worte von Dawid haMelech (Tehilim 37,10): „We’ot me‘at we’en Rascha, wehit‘bonannta al Mekomo we’enenu – Und noch ein Wenig und es gibt keinen Frevler, und wenn du dich besinnst nach seiner Stelle und er ist nicht da“. Wenn du dich an die Stelle des Rascha versetzt, woher er kommt und wie seine Jugend verlaufen ist, so wirst du wissen, dass er in Wirklichkeit kein Frevler ist. Denn meistens ist der Mensch selber gut, aber seine Lebensumstände und Umwelt haben ihn zu dem gemacht was er jetzt ist.

In diesem Sinn lässt sich auch der bekannte Ausspruch von Chasal deuten (Awot 2,4): „Richte deinen Nächsten nicht, bis du in seine Lage kommst“. Bevor du ihn richtest und zurechtweist, musst du dir zuerst über seinen „Makom“, über seine Herkunft und Wohnort im Klaren sein [4].

Dieselbe Lehre können wir aus der „Tochacha“ (Zurechtweisung) von Mosche Rabenu ziehen. Wie Raschi erklärt, wies er den Klall Jisrael vor seinem Ableben zwar über ihre alten Sünden zurecht, tat dies aber nur in Form von Andeutungen, indem er ihnen verschiedene Lagerorte nannte, die eigentlich gar nicht existierten.

Weshalb aber war diese ‚Tochacha‘ überhaupt nötig? Mosche sprach hier doch zur neuen Generation, welche diese Vergehen gar nicht begangen hatten? Mosche belehrte sie vor ihrem Eintritt nach Erez Jisrael, wie wichtig es ist, auf seinen Wohnort und seine Umgebung zu achten, weil diese den Menschen sehr stark beeinflussen (haschpa’at haSewiwa). Ihr müsst euch im Klaren darüber sein, dass eure Väter gute Menschen waren. Sie sündigten nur aufgrund der Orte an denen sie sich jeweils befanden – „Chazerot, di Dahaw“ etc., – wegen deren negativen Einflüsse. Ihr aber zieht nach Erez Jisrael, in ein heiliges Land und habt von diesem nichts zu befürchten, ausser von deren götzendienenden Einwohnern, von denen ihr euch fernzuhalten habt! Wenn ihr darauf acht gibt, werdet ihr keine Sünden begehen und auf ewig im heiligen Land bleiben können.

 

    [1] Igra deKala (Parschat Dewarim)

    [2] Sukka 29a

    [3] „Sünder, der die Menge zur Sünde verleitet“ (siehe Pirke Aeot 5,21)

    [4] miPi Sefarim weSofrim (Parschat Dewarim)